ein bemerkenswerter brief

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tja, kaum eine pause ausgerufen, da kommt einem ein brief in die finger, den man einfach nicht so liegen lassen kann.

also rein ins blog, damit ihn noch mehr lesen:

“ERINNERN KANN NICHT GERICHTLICH VERBOTEN WERDEN” - Zur Ausstellung “Christliches Handeln in der DDR” im Rathaus Reichenbach

“Guten Tag S. (Die Unterzeichner des Briefes haben “IM-Schubert” mit Klarnamen angesprochen, SPIEGEL ONLINE nennt diesen aus rechtlichen Gründen nicht. Anm. der Red) , vor fast 20 Jahren sahen wir uns das letzte Mal. Du warst damals Mitglied in kirchlichen Umweltkreisen und sozialdiakonischen Gruppen in Karl-Marx-Stadt. Im November 1989 bist Du plötzlich verschwunden.

Anfang der neunziger Jahre lasen wir Deinen Decknamen “Schubert” in unseren Stasiakten. Umfang und Reichweite Deiner damaligen Berichtstätigkeit über uns so genannte “feindlich-negative Kräfte” wurden uns erst beim Lesen klar. Doch die Zeit der Gespräche und Begegnungen mit Dir liegen Jahre zurück. Erinnerungen verblassen, aktuelles Geschehen verdrängt Zurückliegendes.

Nunmehr sorgst Du selbst dafür, Erinnerungen wachzurütteln: Wir entnehmen zwar der durch Deinen Anwalt erwirkten einstweiligen Verfügung, dass Du nicht willst, dass wir uns an Dich erinnern. Doch genau das Gegenteil ist eingetreten: Viele, mit denen Du in der Jungen Gemeinde Reichenbach, bei den Bausoldaten in Plauen, in der evangelischen Studentengemeinde Freiberg, im dortigen Friedensarbeitskreis und später auch in unseren Karl-Marx-Städter Kreisen sowie zuletzt beim “Neuen Forum” Kontakt hattest, erinnern sich jetzt wieder an Dich.

Für Dich scheinen diese Erinnerungen unangenehm zu sein. Du kannst vielleicht für kurze Zeit die Nennung Deines Namens in einer Ausstellung verhindern. Du verhinderst jedoch nicht, dass sich Menschen an Dein Wirken in ihren oppositionellen Kreisen erinnern. Du verhinderst außerdem nicht, dass sie ihre Erinnerungen von damals mit Deinen Berichten an das MfS vergleichen. Auch kannst Du nicht verhindern, dass sich Menschen, die wegen “staatsfeindlicher Hetze” ins Gefängnis kamen, sich an Deinen Beitrag zu ihrer Verhaftung erinnern.

Die Vergangenheit lässt Dich und uns offenbar nicht in Ruhe. Wir glauben, dass es kein Mittel ist, gerichtlich gegen Erinnerungen vorzugehen. Wir schlagen als ersten Schritt zur Bewältigung ein gemeinsames Gespräch vor. Dazu sind einige von uns bereit. Wenn Du Konsequenzen für Dein heutiges Leben befürchtest, weil Dein Name in einer Ausstellung veröffentlicht ist, bedenke die Konsequenzen, mit denen wir aufgrund Deiner Tätigkeit für das MfS zu rechnen hatten. Von uns musst Du jedenfalls keine Repressalien (oder gar ein Pogrom, wie Dein Anwalt sagt) befürchten.

Stelle Dich der Vergangenheit, genau wie wir es tun mussten. Denn wir haben Dir damals vertraut - zum Teil als Freund, zum Teil als Mitstreiter oder Verbündeten. Wir wünschen, dass es Dir gelingt, Verantwortung für damaliges Handeln zu übernehmen.

Nur wer es lernt, verantwortlich mit seiner Vergangenheit umzugehen, gewinnt Freiheit für weiteres Leben.”

Chemnitz, den 8. April 2008

Mitglieder aus kirchlichen Öko-Kreisen und der sozialdiakonischen Jugendarbeit der Stadtmission Karl-Marx-Stadt: Hartmut Anacker Heike Beck Thomas Doye Susanne Förster Cornelia Hartzsch Andreas Hartzsch Heike Hastedt Manfred Hastedt Michael Heinisch Mathias Hennig Holger Henze Christoph Magirius Andreas Müller Nadja Röder Johannes Woldt Volkmar Zschocke

und auch der kommentar zum gleichen thema trifft es gut auf den punkt.

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